Agrarsoziale Gesellschaft e.V.

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ASG-Tagung Mai 2006 —
Exkursion C: Tschechien, Region Liberecer Kraj/Nordböhmen

Lebensmittelqualität im europäischen Wettbewerb

Die zweitägige Exkursion in die Region um Liberec in Tschechien wurde begleitet von Thaddäus Ziesch, Christlich Soziales Bildungswerk Sachsen e.V. (CSB Sachsen) und Jan Hanzl, Öffentlich Nutzbringende Gesellschaft "Ländlicher Raum" (ÖNG), Liberec (Tschechische Republik), der u. a. auch übersetzte.
 
Ernährungsbildung in der sorbischen GrenzregionDas Ernährungs- und Kräuterzentrum des Klosters St. Marienstern Im Ernährungs- und Kräuterzentrum des Klosters St. Marienstern
Das Ernährungs- und Kräuterzentrum des Klosters St. Marienstern ist ein gelungenes Beispiel überregionaler Zusammenarbeit des CSB in der sorbisch-tschechisch-polnischen Grenzregion der Oberlausitz. Vom historischen "Hortulus" des Abtes Walahfrid Strabo bis zum "Garten der Sinne" bietet der Schau- und Lehrgarten des Bildungszentrums eine große Vielfalt gärtnerischer Gestaltung und zahlreiche Möglichkeiten themenorientierter Erlebnispädagogik.
Silvia Ulrich (Dipl. oec. troph.) und Antje Meiser wollen mit ihrer Bildungsarbeit gesunde Ernährung mit gesunden Produkten in der Region verankern. Jährlich nehmen 2 000 Schülerinnen und Schüler sowie viele interessierte Laien, Familien und Senioren am Projektunterricht im Garten und im Lehr- und Schaukabinett des Zentrums teil. Hier werden auch Veranstaltungen und Ausstellungen im Rahmen des Erzeuger-Verbraucher-Dialoges durchgeführt.
Gerade bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird deutlich, dass Fast- und Convenience Food bereits ein transnationales Phänomen sind, sagt Silvia Ulrich. Sie hat im Rahmen des Projektes "Ernährungserziehung und -bildung von Kindern und Jugendlichen in der Euroregion Neiße" (unterstützt durch die EU-Gemeinschaftsinitiative Interreg IIIA) an deutschen und tschechischen Schulen eine Befragung zu den Ernährungsgewohnheiten in 6. bis 10. Klassen durchgeführt und einen ähnlichen Trend in beiden Ländern hin zu hoch verarbeiteten Lebensmitteln und zu einer reduzierten Esskultur nachweisen können. In einem unterscheiden sich die Kinder allerdings noch: Was das Lieblingsessen anbelangt, bevorzugen tschechische Kinder auch heute noch den Sonntagsbraten, während die deutschen längst die internationale Nudel an die erste Stelle setzen.
 
Landwirtschaft hält Arbeitskräfte in Mittelgebirgslage
Die Mittelgebirgsregion nahe Liberec war neben ihrer landwirtschaftlichen Nutzung lange durch eine auch heute noch florierende Glasindustrie und die Textilherstellung geprägt. Heute dominieren Autozulieferbetriebe den Arbeitsmarkt rund um Liberec und produzieren für Autohersteller weltweit. Es gibt so gut wie keine Arbeitslosigkeit und die gut ausgebildeten Kräfte wandern aus den landwirtschaftlichen Betrieben in die Autofertigung ab, sagt Jiri Sameš, Betriebsleiter und Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft Agro bílá a.s.
Agro bílá beschäftigt heute 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon die Mehrzahl in der Tier- und Pflanzenproduktion. Traditionell werden in der angegliederten Textilproduktion mit 15 Beschäftigten auch heute noch Arbeitshandschuhe und Haushaltstextilien gefertigt. Aufgrund der Konkurrenz insbesondere aus China wird dieser Betriebszweig in Zukunft nicht lebensfähig sein. Auch für die Landwirtschaft sei es nicht leicht, die Arbeitsplätze in der Region zu halten, da in der Autoindustrie besser bezahlt würde. "Wir haben gerade erst einen neuen Traktor angeschafft, um die guten Leute hier zu halten" sagt Sames. Gerade in den schneereichen Wintern sei die Verkehrsanbindung allerdings recht schwierig, so dass der landwirtschaftliche Betrieb ein wichtiger Arbeitgeber für die Region bleiben werde.
Der Landwirtschaftsbetrieb Agro bílá a.s. bewirtschaftet 1 225 ha LN, davon 350 ha Grünland, 400 ha Getreide, 150 ha Raps sowie Futterpflanzenanbau. Insgesamt wird etwa ein Drittel der Erzeugnisse aus der Pflanzenproduktion in der Veredlung eingesetzt. Der Getreideertrag liegt bei etwa 5 t pro ha, beim Raps werden etwa 3,2 t pro ha geerntet. Der wichtigste Betriebszweig ist die Milcherzeugung mit etwa 500 Fleckviehkühen und einer durchschnittlichen Milchleistung von etwa 6 200 l pro Jahr. Zweimal täglich wird am Doppel-12er-Fischgrätenmelkstand fünf Stunden lang gemolken und es werden etwa 7 500 l Milch produziert, die von der Molkerei in Prisovice abgeholt werden. Ställe und Melktechnik wurden 1998 saniert.
Der Landwirtschaftsbetrieb Agro bílá a.s. TeilnehmerInnen der Exkursion im Landwirtschaftsbetrieb Agro bílá a.s.
Bei der Fleischproduktion setzt Agro bílá auf Kooperation. Auf dem Betrieb selbst werden 1 000 Mastschweine und 50 Zuchtsauen gehalten. Darüber hinaus ist der Betrieb als Anteilseigner mit 17 % an einer Schweinemastanlage mit 15 000 Mastplätzen beteiligt. Agro bílá übernimmt die Belieferung der Mastanlage mit Futter, das auf den eigenen Ackerflächen erzeugt wird und auf diese Weise günstig vermarktet werden kann.
Sameš betont, dass ihm für die erfolgreiche Vermarktung der direkte Kontakt zu den Abnehmern besonders wichtig ist. Dies gelte nicht nur für den Verkauf der Milch an die Molkerei. Auch ein Teil des Weizens werde als Brotgetreide direkt an Bäckereien verkauft. Im Gespräch mit den Kunden könne man oftmals bessere Preise erzielen. Alle Betriebe in Tschechien hätten seit dem 1. Mai 2005 mit z. T. stark sinkenden Erzeugerpreisen zu kämpfen. Sames, der sich auch in der Agrarkammer, dem Fleckviehverband und dem Rapsanbauverband engagiert, bemängelt besonders den Konkurrenzdruck aus dem Nachbarland Polen, das durch die Einsparung von Sozialabgaben in der Erzeugung von Nahrungsmitteln einen Preisvorteil von 30 % erzielen könne.

In Bezug auf die Folgen des EU-Beitritts Tschechiens hat der Betrieb sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Erstmals hat der Betrieb wegen der Überschreitung der Milchquote um 100 000 kg Sanktionen zu befürchten. Für Sames bedeutet die Milchquote eine große Einschränkung. Die Milchwirtschaft arbeite zwar kostendeckend, aber ohne Gewinne. Positiv seien die zahlreichen Fördermöglichkeiten durch die EU, aber es gelte gleichzeitig, mehr Qualitäts- und Umweltauflagen zu erfüllen.
Fleckvieh
Agro bílá hat seine Flächen zum Großteil von den 150 Aktionären gepachtet. Steuerlich gesehen sei das ein gutes System, da für die Förderung Flächen entscheidend seien und die Pacht den Gewinn verringere. Agro bílá habe über zwei Jahre 4 Mio. Kronen zurücklegen können und jetzt in neue Gebäude investiert.
 
Edamer und Butter für den tschechischen Markt
Die Molkerei Plastcom a.s. in Prisovice mit 45 Mitarbeitern liegt wenige Kilometer südöstlich von Liberec. Vor zehn Jahren wurde der Betrieb aufgenommen, derzeit liegt die Tageskapazität bei 80 000 l Frischmilch pro Tag. Die Milch wird mit eigenen Transportfahrzeugen von den Betrieben aus einem Umkreis von etwa 70 km abgeholt und überwiegend zu Edamer und Butter verarbeitet. Die Edamerproduktion teilt sich in unterschiedliche Varianten in Bezug auf den Fettgehalt des Endproduktes auf. Eine Spezialität der Molkerei stellt der Edamer light mit einem Anteil von 30 % Pflanzenfett dar. Darüber hinaus wird ein Teil des Käses sowie ein zugekaufter Anteil in einer eigenen Anlage geräuchert. Neben einer eigenen Dachmarke produziert die Molkerei für unterschiedliche Marken der Handelsketten, die sie beliefert. Butter wird auch als Regionalmarke gehandelt.
Edamer light mit einem Anteil von 30 % Pflanzenfett
Was die Lebensmittelqualität anbelangt, so habe der EU-Beitritt keine wesentlichen Neuerungen für die Milchwirtschaft gebracht, betont Ing. Pavel Sviták. Allerdings musste in Arbeitssicherheit-, Arbeitsschutz und bauliche Maßnahmen zur Einhaltung strenger Hygienevorschriften sehr viel investiert werden.
Die Erleichterung des Warenverkehrs über die Grenzen bringe aber ganz andere Probleme für die Molkerei mit sich. Große internationale Molkereien kauften vermehrt in Tschechien Milch zu höheren Preisen als regionale Molkereien und belieferten als Konkurrenten die großen Handelsketten damit zu Dumpingpreisen.
Die Molkerei Plastcom a.s. in Prisovice TeilnehmerInnen der Exkursion in der Molkerei Plastcom a.s. in Prisovice
 

Perspektivisch möchte die Molkerei auf dem slowakischen Markt Fuß fassen. EU-Fördermittel sollen jetzt erstmals beantragt werden, damit auch die Molke im Betrieb weiterverarbeitet werden kann. In Zukunft will Plastcom a.s. die Produktpalette um weitere Light-Produkte erweitern, Frischkäse (Feta) herstellen und die eigenen Käsereste zu Schmelzkäse weiterverarbeiten. Ein kleiner Teil der Produktion wird bereits nach Arabien exportiert.
Auslieferung der Produkte aus der Molkerei Plastcom a.s.
 
Spezialmehle und modernste Mühlentechnologie
Die Mühle Perner am Fluss Iser in der Gemeinde Svijany wurde im Jahr 1420 gegründet und 1933 von Bohumil Perner gekauft, vollständig saniert und mit neuen Anlagen ausgestattet. Nach einem Brand 1938 errichtete die Firma Prokop in einem damals modernen Industriegebäude eine neue automatische Mühle, die bis vor kurzem ihre Funktion erfüllte. Neue Anlagen der Mühle Perner am Fluss Iser in der Gemeinde Svijany Absacken des Mehls in der Mühle Perner Moderene Mühlentechnik
Im Rahmen der Restituierung wurde die Mühle 1992 an die Söhne des ursprünglichen Eigentümers zurückgegeben, die sich entschieden, der Familientradition zu folgen. Sie sanierten und modernisierten die Mühle vollständig (ein technisch-administratives Gebäude, ein modernes Labor zur Steuerung und Kontrolle der Qualität, die Mühlentechnologie, Lagerhallen, die Mehlmischanlage, die Transportmittel). 1999 wurde das System der Qualitätskontrolle nach DIN ISO 9001 eingeführt, 2005 wurden DIN ISO 9001 und HACCP rezertifiziert und neu wurde das System ISO 14001 durch die internationale Gesellschaft BVQI eingeführt.
Parallel zur technischen Modernisierung begann in Zusammenarbeit mit den Kunden die Entwicklung von Mehlen mit Eigenschaften, die für bestimmte Produkte und Verarbeitungstechnologien notwendig sind. Die Erfahrungen mit der Mehlentwicklung führten zur Herstellung von verbesserten Produkten für Bäcker und von neuen Mehlgemischen. Hierfür wird mit Weltproduzenten von Enzymen, Emulgatoren usw. zusammengearbeitet.
Die Mehle der Mühle Perner müssen höchsten Ansprüchen genügen. Nur so hat die private Mühle es an die Spitze der tschechischen Produzenten von Backmehlen geschafft und beliefert auch zwei große Bäckereien für Karlsbader Obladen. Da die alte Technologie nicht zufriedenstellend arbeitete, wurde die Mühle gerade erst bei laufendem Betrieb innerhalb von acht Tagen mit modernster Schweizer Mühlentechnologie umgebaut. "Einen Produktionsausfall konnten wir uns nicht leisten" sagt Ing. Jiri Brzon. Die Mühle läuft rund um die Uhr und die Großabnehmer werden bei Bedarf auch sonntags beliefert.
Vor der Ernte sind die Mühleningenieure auf den Feldern unterwegs, beurteilen vor Ort Qualitäten, schließen Verträge ab und ordern im Laufe des Jahres nach Bedarf bestimmte Partien. Vermalen werden täglich 140-150 t Weizen, die verschiedenen Mehle werden in acht Mehlspeichern gelagert — Oblatenmehl in Metallsilos, Backmehle für Brote in Holzsilos. Das gegenwärtige Sortiment umfasst 30 Produkte. Seit dem EU-Beitritt bestimmt der Kunde die Qualität und die Mühle Perner hat darauf entsprechend reagiert. Ing. Brzon sieht die Stärke des Unternehmens darin, nicht zu groß zu sein und flexibel auf die Nachfrage der Kunden nach verschiedenen Qualitäten reagieren zu können.
 
Mit traditionellen Backwaren und Spezialgebäcken
setzt Großbäckerei auf mehrere Standbeine
Im März 1993 entstand durch Privatisierung des staatlichen Unternehmens das Bäckereiunternehmen Jizerské pekárny als GmbH. Mittlerweile ist die GmbH Bestandteil der Gesellschaftergruppe Millba Czech A.G. Der Firmensitz liegt in Liberec, die beiden Hauptgeschäftsbereiche sind die Großbäckerei in Ceská Lípa und das Hotel Atrium in Liberec. Die insgesamt 320 Beschäftigten erwirtschaften einen Jahresumsatz von 250 Mio. €. Herstellung von Hörnchen Sauerteigbrote beim Aufgehen Abwiegen des Brotteiges
In der Bäckerei in Ceská Lípa werden monatlich etwa 800 bis 1 000 t Back- und Konditoreiwaren erzeugt. Mit 36 eigenen Fahrzeugen werden 15 betriebseigene Verkaufsstellen sowie 700 weitere Kunden in Ceská Lípa und in Nordböhmen täglich beliefert. In diesem Jahr wurde, gemeinsam mit einer tschechischen Schlachterei, eine eigene Filiale mit Backwaren und böhmischen Wurstspezialitäten in Dresden eröffnet. Der Betrieb verfügt über Geschäftsbeziehungen für den Ein- und Verkauf nach Deutschland, Polen und die Slowakei.
Das Sortiment des Betriebes umfasst Brote, haltbares Gebäck, süße Backwaren und Konditoreiwaren. Ein Schwerpunkt liegt seit 1994 auf dem Angebot von glutenfreien Backwaren. Die Bäckerei hat ein patentiertes Backverfahren zur Herstellung dieser glutenfreien Produkte entwickelt. Betriebsleiter Roman Kozak schätzt den Markt dieser diätetischen Backwaren für Zöliakiepatienten in Tschechien und angrenzenden Ländern als sehr groß ein. Damit diese Märkte beliefert werden können, wird Qualität in der Bäckerei Jizerské pekárny groß geschrieben. Mit Hilfe eines Qualitätsmanagementsystems werden sowohl die nationalen als auch die Vorgaben der EU-Verordnungen für den Gemeinsamen Markt seit dem EU-Beitritt Tschechiens problemlos eingehalten. Dennoch sei festzustellen, dass die Kontrollen mit dem Beitritt um einiges strenger geworden sind. Nach Einschätzung des Direktors Kozak wird das EU-Recht in Tschechien viel strenger umgesetzt als von der EU-Kommission gefordert und in Nachbarstaaten praktiziert wird. Auch die Lieferanten der Bäckerei sind nach EU-Normen zertifiziert.
Seit 2001 stellt die Bäckerei auch zertifizierte Bio-Produkte her. Die Nachfrage nach Bioprodukten steige auch im eigenen Land stetig, so die Einschätzung des Betriebsleiters. Während das konventionell erzeugte Mehl aus tschechischem Anbau kommt, werden die Rohstoffe für die Biobackwaren in Tschechien und Deutschland (Sachsen) eingekauft. Der technische Leiter Stefan Mlich ist stolz auf die bewährte und individuelle Qualität der Produkte. Er verwendet alte Rezepturen auch mit neuen Rohstoffen. Seine Backwaren sollen genauso schmecken wie vor 20 Jahren oder noch besser, sagt er und fügt hinzu: "Die Croissants aus der japanischen Backmaschine haben wir wieder aus dem Sortiment genommen, die Leute hier auf dem Land essen doch lieber ihre böhmischen Buchteln."
Insgesamt setzt der Betrieb auf eine Diversifizierung der Produktpalette, um so auf dem europäischen Markt bestehen zu können. Auch wenn eine Existenz ohne die Vermarktung über internationale Handelsketten nicht möglich ist, soll doch der Aufbau eigener Handelsgeschäfte weiter vorangetrieben werden, um dem starken Preisdruck der großen Partner etwas zu entgehen, erläutert Kozak.
 
Edelbrände und Most für den Erhalt von Streuobstwiesen
Das Existenzgründer Ehepaar Dana und Stanislav Kucera zog es 1984 mit viel Idealismus aufs Land. "Dort, wo die geschichtliche Entwicklung viel kaputt gemacht hatte," wollten sie regional wirtschaften und die typischen Streuobstwiesen erhalten. "Eine Beziehung zu den alten Obstsorten war nach dem Krieg in der neu zugezogenen Bevölkerung nicht verankert, auch die Obstbrennerei hatte keine Tradition in der Gegend," begründet Stanislav Kucera seinen Schritt. Die Obstmosterei und -brennerei in Križany Obstbrandherstellung Die Obstmosterei und -brennerei in Križany
2002 gründete das Ehepaar die Obstmosterei und -brennerei in Križany. Jährlich werden 140 t Obst in der Mosterei und 140 t Obst in der Brennerei verarbeitet. Da jeder Familie in Tschechien ein Kontingent zum Alkohol brennen aus eigener Obstproduktion zusteht, erfolgt die Brennerei als Dienstleistung. Auch die Mosterei war zunächst ein reiner Dienstleistungsbetrieb, heute werden jedoch auch Obstsäfte für den Verkauf produziert. Seit die großen Landwirtschaftbetriebe nur noch 0,01 € /kg Obst zahlen, bringen die 600 kleinen Obstbauern der Region ihre Äpfel und Birnen gerne nach Križany. Dort erhalten sie für die Anlieferung von Obst als Gegenleistung beim Kauf des Saftes einen deutlichen Preisnachlass.
Der EU-Beitritt brachte den Kuceras die Möglichkeit, Maschinen und andere Waren bei den europäischen Nachbarn zu kaufen. Seit 2005 praktizieren sie eine Zusammenarbeit und regen Warenaustausch mit dem sächsischen Familienunternehmen "Linke Fruchtsäfte" in Neugersdorf. Das kleine regionale Streuobstnetzwerk wurde erst kürzlich mit Mitteln des LEADER+-Programms zum Aufbau der Obstverarbeitung gefördert. Flugblätter werben auf tschechischer und deutscher Seite für die Wertschätzung alter Obstsorten der Region Liberec und auch das nächste Projekt beschäftigt Stanislav Kucera bereits: 0,2 l Saftflaschen für die Gastronomie. Das Geld für die Anlage wird er sicher dank seiner Überzeugungskraft bald auftreiben.
 
Experten äußern sich zum Thema
Lebensmittelqualität und Wettbewerb
Die Bedeutung von Erzeugergemeinschaften in Tschechien und die Aktivitäten der Agrarkammer erklärten die beiden tschechischen Experten David Novák und Vítezslav Kverka bei einem Informationsaustausch in Liberec. Unternehmensberater Dr. Robert Kastner (Kastner Getbusiness International, Wien) stellte die Perspektiven des Lebensmittelmarktes in Osteuropa dar. Experten äußern sich zum Thema Lebensmittelqualität und Wettbewerb
 
Strategien gegen das Preisdiktat der Handelsketten
Erzeugergemeinschaften ermöglichen Landwirten im harten EU-Wettbewerb sowohl auf der Absatz-, als auch auf der Einkaufseite einen höheren Gewinn, betont Ing. David Novák (Milcherzeugergemeinschaft MLECOOP) und sie haben in Böhmen eine lange Tradition. Das Preisdiktat der großen Handelsketten gab 1998 den Impuls zur Gründung neuer landwirtschaftlicher Handelsorganisationen. Heute werden mehr als 30 % der Milch in Tschechien über Erzeugergemeinschaften verkauft. Beim Fleisch und beim Getreide zeichnet sich bereits eine ähnliche Entwicklung ab.
Nach Nováks Einschätzung werden schon bald das internationale Geschäft und die Zusammenarbeit von Erzeugern über Ländergrenzen hinweg stark an Bedeutung gewinnen, da auch die milchverarbeitenden Betriebe und die Handelsketten international agierten.
 
Landwirtschaftliche Interessengemeinschaft begleitet Entwicklungen
Beratung und Information für Landwirte bietet die staatlich organisierte Agrarkammer auf regionaler Ebene. In ihr sind neben dem Bauernverband und dem Unternehmerverband verschiedene andere nichtstaatliche Agrarinstitutionen assoziiert. Auch Leader+-Aktionsgruppen sollen sich in Zukunft anschließen. Die Agrarkammer gibt u. a. Projekthilfe, berät in Förderangelegenheiten und betreut auch Projekte zur Entwicklung des ländlichen Raums.
Besonders aufgrund der hohen EU-Hygiene-Standards habe es in den letzten Jahren einen Investitionsschub in der Landwirtschaft gegeben, so Vítezslav Kverka (Agrarkammer Kraj Liberec). Er schätzt, dass die heutige Anzahl an Betrieben sich auch mittelfristig halten kann. Aufgrund der Tatsache, das die Tschechische Republik bis zum Jahresende noch 500 000 ha Boden aus Staatsbesitz an tschechische Bürger verkaufen will, wird sich der Anteil der Flächen im Privatbesitz bei den Landwirten von heute rund 50 % nochmals erhöhen.
Als Erfolg bezeichnet Kverka, dass Maßnahmen zur umweltgerechten Landbewirtschaftung im Kraj Liberec großflächig etabliert werden konnten. Neue Ansätze sieht der Vertreter der Agrarkammer, der sich auch in Ausschüssen des regionalen Parlaments engagiert, bei der Weiterverarbeitung von Milch und Fleisch zu regionalen Spezialitäten auf hohem Qualitätsniveau. Besonders Bioprodukte schließt er in seine Perspektiven ein.
 
Perspektiven des Lebensmittelmarktes in Osteuropa
Schneller als erwartet hätten Weltkonzerne in Osteuropa den Markt übernommen. In den neuen EU-Beitrittsstaaten dominiere bereits heute der transnationale Einkauf das Geschäft der internationalen Handelketten. Dr. Robert Kastner sieht als Antwort darauf Crossborder-Angebote von Erzeugerseite und die Konzentration auf die eigenen Stärken gerade in punkto Qualitätsprodukte.
Dem allgemeinen Trend, immer weniger für Lebensmittel ausgeben zu wollen, könne man auf verschiedene Art begegnen. Österreich gehe konsequent den Weg der Information und Verbraucheraufklärung. Neben der Organisation von nationalen Produktmessen in Nachbarländern sieht Kastner eine Chance in Convenience Shops gerade für kleine Anbieter oder in der Erschließung von Märkten für Qualitätsprodukte für die Gastronomie und Hotellerie. Besonders legt er aber Wert darauf, mit den Konsumenten zu arbeiten, damit sie verstünden und wertschätzen lernten, was gute Produkte seien.
 
 | aktualisiert am 28. Juni 2006 
zur Exkursion A:  Exkursion A:
zur Exkursion B:  Exkursion B:
 

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