Agrarsoziale Gesellschaft e.V.

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ASG-Tagung Mai 2006 —
Exkursion B: Polen, Wojewodschaft Lubuskie

Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung

Landwirtschaft im Wandel der ZeitZielona Góra (Grünberg) Zielona Góra (Grünberg)
1989 wurde in Polen der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft eingeleitet. Durch den Beitritt des Landes in die EU passen sich die landwirtschaftlichen bzw. verarbeitenden Betriebe Schritt für Schritt an die Regeln der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) an.
Die Exkursionsteilnehmer/-innen besichtigten in Begleitung von Dr. Georg Moskwa, Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg, Marek Żeromski, Vizemarschall der Wojewodschaft Lubuskie, Zbigniew Waligóra, Marschallamt Lubuskie, fünf Betriebe sowie Zielona Góra (Grünberg), eine der wichtigsten Städte der Wojewodschaft. Ein Weinberg und ein Winzerhaus aus dem Jahr 1818 erinnern dort an die ausgedehnten Rebflächen, die einst etliche Anhöhen rund um Zielona Góra bedeckten. Charakteristisch für die Region ist der hohe Waldanteil, mit 49 % der höchste in Polen, und der, trotz äußerst geringer Niederschlagsmenge große Gewässerreichtum. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich neben den individuellen kleinbäuerlichen Wirtschaften großangelegte Staatsbetriebe, die Anfang der 1990er Jahre per Gesetz wieder aufgelöst bzw. privatisiert wurden.
Genossenschaftliche Produktion, Verarbeitung und Vermarktung Auf dem Gelände der Molkerei 'Nowa Wieś'

Quarkproduktion
Die Molkerei "Nowa Wieś", befindet sich im Gemeindegebiet von Słubice (bis 1945 östlicher Stadtteil von Frankfurt/Oder) etwas außerhalb der Ortschaft Golice. Jeden zweiten Tag werden hier 2 000 l Milch zu Butter, Quark, Sahne (in drei Ausführungen) oder zu Konsummilch mit 2 bzw. 3 % Fettgehalt verarbeitet.
Die vor acht Jahren eingerichtete Molkerei gehört zu einer ortsansässigen Genossenschaft mit Landwirtschaft einschließlich eigener Verarbeitung und Vermarktungskette. Sie besitzt 1 800 ha Land und einen Viehbestand von 2 000 Mastschweinen sowie 150 Milchkühen mit einer jährlichen Milchleistung von durchschnittlich 7 000 l pro Kuh. Überdies betreibt die Genossenschaft einen Schlachthof und neun Geschäfte bzw. Imbissstuben rund um Słubice. Im Gegensatz zum Schlachthof, für den eine EU-Zulassung angestrebt wird, ist diese für die Molkerei nicht erforderlich, weil die Vermarktung sämtlicher Molkereiprodukte in den eigenen Geschäften geschieht, so Bogusław Pietrow bei seiner Betriebsvorstellung. Mit insgesamt rd. 95 Beschäftigten ist die 1961 gegründete Genossenschaft der größte Arbeitgeber der Region.
Milchverarbeitung  Milch in Tüten
 
Fischwirtschaft auf dem Betrieb "Karp" Die Fischwirtschaft auf dem Betrieb 'Karp' Die Fischwirtschaft auf dem Betrieb 'Karp' Die Fischwirtschaft auf dem Betrieb 'Karp' Die Fischwirtschaft auf dem Betrieb 'Karp' Die Fischwirtschaft auf dem Betrieb 'Karp'
Im Nordwesten der Stadt Krosno Odrzańskie (Crossen/Oder) in Osiecznica liegt die Fischwirtschaft "Karp". Sie wird seit 1993 als GmbH geführt. Die Bewirtschaftung von über 600 ha Teich- bzw. Seefläche bildet den Schwerpunkt des Betriebes, der 20 Personen angestellt hat. Nebenbei werden Fremdenzimmer vermietet und ein Sägewerk geführt.
90 % der gezüchteten Fische sind Karpfen, die restlichen 10 % setzen sich aus dem Beifang verschiedener Fischarten zusammen. Pflegemaßnahmen wie das Trockenlegen, Entschlammen, Kalken und Düngen (z. B. mit Mist) der Teiche dienen der Produktion von Naturnahrung und der Bekämpfung von Parasiten. Aufgrund der natürlichen Gegebenheiten werden die Gewässer extensiv und mit dementsprechend niedrigen Erträgen bewirtschaftet. Ein Hauptproblem stellt die geringe Niederschlagsmenge dar. So kann das Bespannen der Teiche (Füllen mit Wasser) relativ lange dauern und der Wasserstand im Hochsommer absinken.
Die Aufzucht der Fische findet in einem geschlossenen System statt. In kleinen, mit Wasser aus dem Aufwärmbecken befüllten Laichteichen vermehren sich die Karpfen auf natürlichen Weg. Ohne Hormongaben verbringen die Laichfische eine Woche in dem 20°C warmen Wasser, bevor sie mit dem Kescher entnommen werden. Mittels Haftorgan hängt sich die frisch geschlüpfte Karpfenbrut an das Pflanzenmaterial im Wasser, bevor sie einige Tage später an die Wasseroberfläche steigt, um für die erste Füllung der Schwimmblase Luft zu schlucken. Wenn die Laichteiche abgelassen werden, hält eine mehlsiebähnliche Fangvorrichtung die Brut zurück. Störungen wie Lärm oder ungünstige Witterungsbedingungen können den Laichvorgang stark gefährden. So gab es bespielsweise 2005 keine Brut für die Nachzucht.
Da es in der Region viele fischfressende Vögel wie Kormorane gibt, bewacht ein Mitarbeiter die Laichteiche. Prinzipiell ist in Polen der Kontrollabschuss von Kormoranen, Graureihern und Fischottern in Teichwirtschaften erlaubt. Die Geschäftsführer räumten allerdings ein, dass der Abschuss auch zur Auflösung der ganzen Vogelkolonie führen kann.
Auf dem Betrieb erreichen Karpfen nach drei Jahren die Marktreife. Überwiegend werden sie in Polen, meist lebend, vermarktet oder in der angeschlossenen Gastronomie verwendet. Vor kurzem hat der Koch auf der Landwirtschaftsmesse in Posen für seine Fischsuppe, "der Spezialität des Hauses", einen Preis gewonnen. Zzt. besteht nur ein geringes Interesse, die Vermarktung der Karpfen z. B. nach Deutschland auszuweiten, weil der Großhandelspreis in Polen über dem deutschen liegt. Dies lässt sich u. a. durch die höheren Produktionskosten in Polen erklären. Als Begründung für die höheren Produktionskosten wurden die mit dem EU-Beitritt verbundene Abschaffung der polnischen Subventionen und die bislang fehlenden Agrarumweltmaßnahmen genannt.
"Traumberuf Landwirt"
Wenige Kilometer nördlich von Krosno Odrzańskie, in Czetowice, bewirtschaftet Józef Rapcewicz zusammen mit fünf Mitarbeitern 180 ha Land, das er von der staatlichen Agraragentur kaufte, und hält 140 Rinder (70 Milchkühe mit weiblicher Nachzucht). Die Betriebsfläche umfasst rd. 30 ha Wald, 50 ha Grünland und 100 ha Ackerland auf für die Wojewodschaft typischen ertragsschwachen Sandböden. Betrieb Rapcewitz in Czetowice
Als Futtergrundlage für die Rinder werden Luzerne, Mais und andere Getreidesorten angebaut. Die aus Dänemark stammenden Rinder (95 % HF, 5 % Simmentaler) stehen in einem etwa 100 Jahre alten Stallgebäude "aus der deutschen Zeit". Über den Tieren lagert in zwei Speicheretagen Futtergetreide. Rapcewicz erläuterte seine Schwierigkeiten, bei der Fütterung ein ausgewogenes Eiweiß-Energie-Verhältnis sicherzustellen. Im Sommer bedinge die Luzerne ein Überangebot an Eiweiß. Dennoch zeigte sich Rapcewicz mit der Milchleistung seiner Kühe zufrieden.
Sie liegt mit 7 500 l/Jahr und Tier über dem Durchschnitt der Wojewodschaft. Den Vertrieb der Milch übernimmt ein Zusammenschluss aus über 100 Erzeugern, der v. a. an die Molkerei Müller in Dresden liefert. Zukünftig soll die Milch aber von einer italienischen Firma abgenommen werden.
Der 60-jährige Betriebsleiter, von Beruf Maschinenbauingenieur, schilderte, dass er erst mit 50 Jahren Landwirt geworden sei und noch einiges an seinem Betrieb verändern wolle. Dazu zählen der Bau einer Jauchegrube sowie die Modernisierung der Fütterungstechnik. Für ihn hat sich die finanzielle Situation seit dem EU-Beitritt eher verbessert, da es vorher kaum Investitionsbeihilfen, auch nicht zur Bestandssicherung, gab. Heute könne er Mittel aus verschiedenen Fonds beantragen.
 
Ökologischer Beerenobstbaubetrieb mit Vermarktungsproblemen
Der ebenfalls in Osiecznica/Krosno Odrzańskie (Crossen) gelegene Betrieb von Anna und Andrzej Kusiemczy ist seit 1990 nach ökologischen Richtlinien zertifiziert; damals war es der 39. Ökobetrieb Polens, berichtete Andrzej Kusiemczy, der sich zudem "Ekoland", dem ersten und größten ökologischen Anbauverband Polens, angeschlossen hat. Durch die sukzessiven Erweiterung ihres 3-ha-Betriebes, auf dem in den 1980er Jahren hauptsächlich Gemüse für die Armee angebaut wurde, stehen dem Ehepaar heute rd. 80 ha zur Verfügung. Davon gehören 60 ha zum Eigentum der Familie, 20 ha sind gepachtet. Da sich die Felder in extremer Streulage (65 Einzelflächen im Umkreis von 40 km) befinden, treten sowohl technische als auch bürokratische Probleme auf. Anna Kusiemczy ist praktisch nur damit beschäftigt, Anträge auszufüllen.
Ökologischer Beerenobstbaubetrieb
Zzt. wachsen auf 30 ha schwarze Johannisbeeren, auf 10 ha rote Johannisbeeren, auf 5 ha Aroniabeeren (Apfelbeeren, einer Züchtung aus der ehemaligen UdSSR) und auf 10 ha Erdbeeren. Während der Erntezeit werden 100 bis 150 Saisonarbeitskräfte beschäftigt. 2005 gelang es nicht, alle Erdbeeren zu ernten, weil die Arbeitskräfte nicht ausreichten.
Ein weit größeres Problem stellt allerdings die Vermarktung dar. Obwohl Kuziemscy seinen Betrieb von vornherein auf den Export ausrichtete und z. B. seine Obstreinigungsanlage 2005 den in der EU geltenden Vorschriften entsprechend umbaute, kämpft er seit dem EU-Beitritt Polens und wegen der Importe aus Drittländern wie China oder Tunesien mit erheblichen Absatzschwierigkeiten. 25 t schwarze Johannisbeeren lagern im Kühlraum des Betriebes und müssen vernichtet werden, wenn sie nicht binnen 18 Monaten einen Abnehmer finden.
 
PROVIMI POLSKA Bieganów: modernste Landwirtschaft durch ausländisches Kapital
In Cybinka, einer Ortschaft zwischen Krosno und Słubice, wurde ein ehemaliger staatlicher Großbetrieb besichtigt, der nach 1990 mit dem Kapital einer holländischen Aktiengesellschaft neu aufgestellt wurde. Das Unternehmen besteht aus drei Bereichen: einem Futtermittelwerk, einer Schweinemastanlage und dem Bereich Ackerbau/Rinderhaltung. Das Gesamtunternehmen zählt rd. 200 Mitarbeiter, wobei das Futtermittelwerk mehr als die Hälfte beschäftigt. In den Bereichen Schweinemast und Ackerbau/Viehzucht arbeiten 35 bzw. 40 Personen. Letzterer wird seit 20 Jahren von Zygmunt Jodko geleitet, der ihn auch den Exkursionsteilnehmern/-innen nahe brachte. Er umfasst 2 500 ha landwirtschaftliche Nutzfläche und 2 500 Stück Vieh, davon 300 Milchkühe. Das Gros der Rinder dient der Fleischerzeugung. So erklärt sich die Haltung von 550 Holstein Frisian, 380 reinrassigen Limousin und vielfältigen Gebrauchskreuzungen aus den beiden Rassen. Die Milchkühe werden abhängig von ihrem physiologischen Zustand (Trächtigkeit, Abkalben, Besamung) in Gruppen eingeteilt und bekommen speziell auf die jeweilige Phase abgestimmte (Kraft-)Futterrationen. Dafür wurden in einem Teil der bis zu 70 Jahre alten Gebäude Laufställe eingerichtet und mit Transponderstationen ausgestattet. PROVIMI POLSKA Bieganów: modernste Landwirtschaft PROVIMI POLSKA Bieganów: modernste Landwirtschaft PROVIMI POLSKA Bieganów: modernste Landwirtschaft
Das Grundfutter für die Rinder setzt sich aus Maissilage, Grassilage und Zuckerrübenschnitzeln zusammen und stammt überwiegend aus eigener Produktion. Neben Mais (700 ha) erfolgt auf den meist 50 ha großen Schlägen der Anbau von Raps, Weizen, Roggen sowie Triticale. Das nicht direkt verfütterte Getreide kommt im Futtermittelwerk zum Einsatz.
Die landwirtschaftlichen Flächen verfügen über eine kombinierte Beregnungs- und Düngungsanlage, in der Wasser mit Gülle aus der Schweinemast gemischt werden kann. 100 ha der Nutzfläche liegen im Odertal und zeichnen sich durch schweren, nährstoffreichen Boden aus.
In Kooperation mit Wissenschaftlern und Veterinärmedizinern finden darüber hinaus betriebsinterne Versuche mit bestimmten Kraft- sowie Mineralfuttersorten statt. Momentan wird z. B. eine Studie durchgeführt, die zeigen soll, ob zusätzliche Selengaben die Fruchtbarkeit beeinflussen. Jodko hob hervor, dass sich die fortschrittliche Haltungsform, aber auch die engmaschige tierärztliche Betreuung der Rinder ausgesprochen positiv auf den Betriebserfolg ausgewirkt hätte. Seit 1995 habe sich die Milchleistung pro Kuh von 5 600 auf 9 800 l/Jahr erhöht. Die Milch wird an die Molkerei Müller vermarktet, während die Fleischrinder an einen polnischen Schlachthof geliefert und im Land vermarktet werden.
 
 | aktualisiert am 28. Juni 2006 
zur Exkursion A:  Exkursion A:
zur Exkursion C:  Exkursion C:
 

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